Marburg in Hessen
Copyright © 2016 Wolfgang Krebs. Alle Rechte vorbehalten.
Die Beatles
Als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen. (nach einem halbdokumentarischen Film von Michael Wulfes nacherzählt) Im   Jahr   1966   verbreitete   Ferdinand   Kilian, der    von    seinen    Freunden    allgemein    nur Ferdi    genannt    wurde,    die    sensationelle aber    leider    falsche    Nachricht,    dass    die Beatles   nach   Marburg   kämen.   Ferdi,   der Sohn     und    Angestellte     eines     Marburger Friseurobermeisters,   war   in   Marburg   wohl bekannt.   Zeitzeugen   schildern   ihn   als   stets elegant    gekleideten,    lebenslustigen    und gerne     im     Mittelpunkt     des     Interesses stehenden   Menschen.   Oft   sah   man   ihn   am   Steuer   seines   Ford   20M,   lässig   einen   Arm aus    dem    Fenster    gestreckt,    durch    die    Stadt    fahren.    Im    Club    E,    dem    damals beliebtesten   Beatclub   Marburgs,   verkehrte   er   häufig   und   stand   hier   zuweilen   auch einmal   selber,   auf   seinen   Bongos   trommelnd,   auf   der   Bühne. Auch   sonst   nahm   Ferdi rege   am   sozialen   Leben   der   Stadt   teil.   Er   organisierte   kleine   Tanzveranstaltungen, betätigte   sich   als   Amateurzauberer   auf   kleinen   Bühnen   und   war   als   freiwilliges Mitglied in einer Unfallhilfsorganisation tätig. Doch wie kam es dann zur Verbreitung seiner Falschnachricht? Alles   begann   im   September   1966,   zwei   Monate   nach   den   großen   Beatles-Konzerten in   Essen,   München   und   Hamburg   als   ein   Fremder   den   Friseursalon   von   Ferdinand Kilian    betrat,    um    sich    dort    einen    neuen    Haarschnitt    verpassen    zu    lassen.    Der Fremde,   der   sich   mit   dem   Namen   Öttringer   vorstellte,   erzählte   Ferdi:   Er   sei   gut   mit dem   Beatle   John   Lennon   befreundet,   den   er   vor   einiger   Zeit   in   Celle   kennen   gelernt habe.   Den   Beweis   trat   er   sogleich   in   Form   einer   handsignierten Autogrammkarte   der Beatles   an.   Weiterhin   berichtete   Öttringer   das   John   Lennon   ihm   zugesagt   habe,   dass die   Band   im   nächsten   Jahr   noch   einmal   für   ein   großes   Deutschlandkonzert   nach Göttingen    kommen    werde    und    wenn    Kilian    Interesse    hätte    und    die    nötige Organisation   in   die   Hand   nehme,   dann   würde   sich   auch   sicherlich   noch   ein   zweites Konzert   in   Marburg   einrichten   lassen.   Ferdi   war   begeistert   und   erklärte   sich   sofort zur Übernahme der Veranstaltungsorganisation bereit. Obwohl    Ferdi    nur    einige    wenige    gute    Freunde    in    die    Geschichte    einweihte, verbreitete   sich   die   Nachricht   in   Windeseile   in   Marburg   und   am   6.   September   1966 verkündete   Ferdi   anlässlich   einer   Veranstaltung   in   den   Marburger   Stadtsälen:   "Er werde   die   Beatles   nach   Marburg   bringen."   Bereits   einen   Tag   später   erfuhr   auch   der Rest   der   Stadt   durch   einen   Bericht   in   der   Oberhessischen   Presse   von   den   beiden geplanten Konzerten im Frühjahr 1967. Wochenlang   bereitete   Ferdi   das   Konzert   in   allen   Einzelheiten   vor.   Schon   bald   hingen überall    in    der    Stadt    seine    selbst    gedruckten    Plakate.    Mit    der    Stadtverwaltung Marburg    schloss    er    einen    Vertrag    über    die   Anmietung    der    rund    700    Sitzplätze umfassenden   Stadtsäle.   Er   reservierte   Zimmer   für   die   Übernachtung   der   Beatles   und entwarf   und   fertigte   sogar   teilweise   selber   die   70,00   DM   kostenden   Eintrittskarten für   die   Veranstaltung   an.   Für   den   Vorverkauf   der   Eintrittskarten   gewann   er   einen bekannten    Marburger    Radio-    und    Fernsehhändler.    Bekannte    und    Freunde    Ferdis kümmerten sich um den Kartenverkauf in den umliegenden Gemeinden. Am   7.   Oktober   1966   erschien   ein   weiterer   Artikel   in   der   Oberhessischen   Presse,   in dem   wegen   Terminschwierigkeiten   eine   Verschiebung   des   Konzerts   um   eine   Woche vom   17.   auf   den   24.   März   1967   angekündigt   wurde. Als   Vorgruppe   der   Beatles   wurde in   diesem   Artikel   die   bekannte   Band   "Herman's   Hermits"   genannt.   Damit   schienen alle    vielleicht    noch    bestehenden    Zweifel    an    der    Richtigkeit    der    Veranstaltung beseitigt. Binnen    kurzer    Zeit    war    Ferdi    zum    neuen    Helden    der    Stadt    geworden.    In    den Marburger    Lokalen    wurde    er    gefeiert    und    mit    den    Glückwünschen    der    Fans überschüttet,   das   Freibier   floss   in   Strömen   und   Ferdi   stand   endlich   da,   wo   er   schon immer hinwollte: im Mittelpunkt des Geschehens. Aber   am   18.   Oktober   1966   kam   das   dicke   Ende   der   Geschichte.   Ein   Marburger Konzertveranstalter   und   der   Zeitungsredakteur   Jürgen   B.   hatten   versucht   etwas mehr   über   die   Geschichte   zu   erfahren   und   waren   nach   Göttingen   gefahren,   um   dort selber   Kontakt   zu   jenem   Fremden   namens   Öttringer   aufzunehmen.   Aber   dieser   war dort   nicht   auffindbar.   Um   den   Schwindel   gänzlich   zu   entlarven,   telefonierten   die beiden   schließlich   direkt   mit   London   und   dem   Management   der   Beatles. Aus   London kam   kurze   Zeit   später   die   schriftliche   Mitteilung,   dass   von   Seiten   der   Band   kein Auftritt   in   Göttingen   oder   Marburg   geplant   sei   und   es   auch   keinerlei   Verhandlungen in   dieser   Richtung   gegeben   hätte.   Einen   Tag   später   wurde   das   Schreiben   in   der Oberhessischen Presse abgedruckt. Obwohl   Ferdi   selber   leichtgläubig   einem   Betrüger   aufgesessen   war,   sahen   viele Marburger    in    ihm    den    Hauptschuldigen    des    Betruges.    Schnell    war    sein    Ruhm verblasst.   Immer   wieder   wurde   Ferdi   von   den   stark   enttäuschten   Fans   beschimpft und    sogar    von    ihnen    mehrmals    veprügelt.    Die    entstandenen    Vermögensschäden (Kartenvorverkauf    etc.)    wurden    zwar    von    Ferdis    Vater    (Ferdinand    Kilian    sen.) geregelt,   führten   aber   zum   Zerwürfnis   zwischen   Vater   und   Sohn.   Wenig   später verließen   Ferdi   Kilian   und   seine   Frau   Inge   die   Stadt   und   eröffneten   im   einige Kilometer entfernten Dreihausen einen eigenen Friseursalon. In    den    nachfolgenden    Jahren    setzten    die    Scheidung    von    seiner    Frau    Inge,    ein Herzfehler   und   eine   Zuckerkrankheit   dem   einstigen   Helden   von   Marburg   schwer   zu. Sein    Augenlicht    verschlechterte    sich    zusehends,    bis    er    schließlich    vollkommen erblindet am 3. September 1985 im Alter von nur 48 Jahren starb. Gut   20   Jahre   nach   dem   Tod   von   Ferdinand   Kilian   drehte   der   in   Marburg   gebürtige Filmemacher Michael Wulfes den tragisch-komischen Doku-Spielfilm: Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen Michael   Wulfes   rekonstruiert   in   seinem   Film   die   Geschichte   von   Ferdinand   Kilian   mit liebevoll   ironisch   inszenierten   Spielszenen,   mit   privaten   Fotos   und Archivaufnahmen und   natürlich   auch   damaligen   Zeitzeugen,   die   noch   heute   ins   Schwärmen   geraten, wenn   sie   sich   an   Ferdie,   an   Marburg   und   an   den   Tag   erinnern,   als   die   Beatles beinahe nach Marburg kamen.
Marburg in Hessen
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Die Beatles
Als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen. (nach    einem    halbdokumentarischen    Film    von    Michael    Wulfes nacherzählt) Im   Jahr   1966   verbreitete   Ferdinand   Kilian,   der   von   seinen Freunden     allgemein     nur     Ferdi     genannt     wurde,     die sensationelle    aber    leider    falsche    Nachricht,    dass    die Beatles     nach     Marburg     kämen.     Ferdi,     der     Sohn     und Angestellte    eines    Marburger    Friseurobermeisters,    war    in Marburg   wohl   bekannt.   Zeitzeugen   schildern   ihn   als   stets elegant      gekleideten,      lebenslustigen      und      gerne      im Mittelpunkt   des   Interesses   stehenden   Menschen.   Oft   sah man   ihn   am   Steuer   seines   Ford   20M,   lässig   einen   Arm   aus dem   Fenster   gestreckt,   durch   die   Stadt   fahren.   Im   Club   E, dem   damals   beliebtesten   Beatclub   Marburgs,   verkehrte   er häufig   und   stand   hier   zuweilen   auch   einmal   selber,   auf seinen   Bongos   trommelnd,   auf   der   Bühne. Auch   sonst   nahm Ferdi   rege   am   sozialen   Leben   der   Stadt   teil.   Er   organisierte kleine        Tanzveranstaltungen,        betätigte        sich        als Amateurzauberer     auf     kleinen     Bühnen     und     war     als freiwilliges Mitglied in einer Unfallhilfsorganisation tätig. Doch      wie      kam      es      dann      zur      Verbreitung      seiner Falschnachricht? Alles   begann   im   September   1966,   zwei   Monate   nach   den großen   Beatles-Konzerten   in   Essen,   München   und   Hamburg als    ein    Fremder    den    Friseursalon    von    Ferdinand    Kilian betrat,   um   sich   dort   einen   neuen   Haarschnitt   verpassen   zu lassen.   Der   Fremde,   der   sich   mit   dem   Namen   Öttringer vorstellte,   erzählte   Ferdi:   Er   sei   gut   mit   dem   Beatle   John Lennon   befreundet,   den   er   vor   einiger   Zeit   in   Celle   kennen gelernt   habe.   Den   Beweis   trat   er   sogleich   in   Form   einer handsignierten   Autogrammkarte   der   Beatles   an.   Weiterhin berichtete   Öttringer   das   John   Lennon   ihm   zugesagt   habe, dass   die   Band   im   nächsten   Jahr   noch   einmal   für   ein   großes Deutschlandkonzert    nach    Göttingen    kommen    werde    und wenn   Kilian   Interesse   hätte   und   die   nötige   Organisation   in die   Hand   nehme,   dann   würde   sich   auch   sicherlich   noch   ein zweites   Konzert   in   Marburg   einrichten   lassen.   Ferdi   war begeistert    und    erklärte    sich    sofort    zur    Übernahme    der Veranstaltungsorganisation bereit. Obwohl    Ferdi    nur    einige    wenige    gute    Freunde    in    die Geschichte    einweihte,    verbreitete    sich    die    Nachricht    in Windeseile     in     Marburg     und     am     6.     September     1966 verkündete    Ferdi    anlässlich    einer    Veranstaltung    in    den Marburger   Stadtsälen:   "Er   werde   die   Beatles   nach   Marburg bringen."   Bereits   einen   Tag   später   erfuhr   auch   der   Rest   der Stadt   durch   einen   Bericht   in   der   Oberhessischen   Presse   von den beiden geplanten Konzerten im Frühjahr 1967. Wochenlang     bereitete     Ferdi     das     Konzert     in     allen Einzelheiten   vor.   Schon   bald   hingen   überall   in   der   Stadt seine   selbst   gedruckten   Plakate.   Mit   der   Stadtverwaltung Marburg   schloss   er   einen   Vertrag   über   die   Anmietung   der rund   700   Sitzplätze   umfassenden   Stadtsäle.   Er   reservierte Zimmer   für   die   Übernachtung   der   Beatles   und   entwarf   und fertigte    sogar    teilweise    selber    die    70,00    DM    kostenden Eintrittskarten     für     die     Veranstaltung     an.     Für     den Vorverkauf   der   Eintrittskarten   gewann   er   einen   bekannten Marburger     Radio-     und     Fernsehhändler.     Bekannte     und Freunde   Ferdis   kümmerten   sich   um   den   Kartenverkauf   in den umliegenden Gemeinden. Am   7.   Oktober   1966   erschien   ein   weiterer   Artikel   in   der Oberhessischen           Presse,           in           dem           wegen Terminschwierigkeiten   eine   Verschiebung   des   Konzerts   um eine   Woche   vom   17.   auf   den   24.   März   1967   angekündigt wurde.   Als   Vorgruppe   der   Beatles   wurde   in   diesem   Artikel die    bekannte    Band    "Herman's    Hermits"    genannt.    Damit schienen   alle   vielleicht   noch   bestehenden   Zweifel   an   der Richtigkeit der Veranstaltung beseitigt. Binnen   kurzer   Zeit   war   Ferdi   zum   neuen   Helden   der   Stadt geworden.   In   den   Marburger   Lokalen   wurde   er   gefeiert   und mit     den     Glückwünschen     der     Fans     überschüttet,     das Freibier   floss   in   Strömen   und   Ferdi   stand   endlich   da,   wo   er schon immer hinwollte: im Mittelpunkt des Geschehens. Aber    am    18.    Oktober    1966    kam    das    dicke    Ende    der Geschichte.    Ein    Marburger    Konzertveranstalter    und    der Zeitungsredakteur   Jürgen   B.   hatten   versucht   etwas   mehr über   die   Geschichte   zu   erfahren   und   waren   nach   Göttingen gefahren,    um    dort    selber    Kontakt    zu    jenem    Fremden namens   Öttringer   aufzunehmen. Aber   dieser   war   dort   nicht auffindbar.    Um    den    Schwindel    gänzlich    zu    entlarven, telefonierten   die   beiden   schließlich   direkt   mit   London   und dem   Management   der   Beatles.   Aus   London   kam   kurze   Zeit später   die   schriftliche   Mitteilung,   dass   von   Seiten   der   Band kein   Auftritt   in   Göttingen   oder   Marburg   geplant   sei   und   es auch   keinerlei   Verhandlungen   in   dieser   Richtung   gegeben hätte.    Einen    Tag    später    wurde    das    Schreiben    in    der Oberhessischen Presse abgedruckt. Obwohl     Ferdi     selber     leichtgläubig     einem     Betrüger aufgesessen    war,    sahen    viele    Marburger    in    ihm    den Hauptschuldigen    des    Betruges.    Schnell    war    sein    Ruhm verblasst.    Immer    wieder    wurde    Ferdi    von    den    stark enttäuschten     Fans     beschimpft     und     sogar     von     ihnen mehrmals   veprügelt.   Die   entstandenen   Vermögensschäden (Kartenvorverkauf    etc.)    wurden    zwar    von    Ferdis    Vater (Ferdinand     Kilian     sen.)     geregelt,     führten     aber     zum Zerwürfnis     zwischen     Vater     und     Sohn.     Wenig     später verließen   Ferdi   Kilian   und   seine   Frau   Inge   die   Stadt   und eröffneten    im    einige    Kilometer    entfernten    Dreihausen einen eigenen Friseursalon. In   den   nachfolgenden   Jahren   setzten   die   Scheidung   von seiner   Frau   Inge,   ein   Herzfehler   und   eine   Zuckerkrankheit dem    einstigen    Helden    von    Marburg    schwer    zu.    Sein Augenlicht      verschlechterte      sich      zusehends,      bis      er schließlich   vollkommen   erblindet   am   3.   September   1985   im Alter von nur 48 Jahren starb. Gut   20   Jahre   nach   dem Tod   von   Ferdinand   Kilian   drehte   der in    Marburg    gebürtige    Filmemacher    Michael    Wulfes    den tragisch-komischen Doku-Spielfilm: Der Tag, als die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen Michael   Wulfes   rekonstruiert   in   seinem   Film   die   Geschichte von    Ferdinand    Kilian    mit    liebevoll    ironisch    inszenierten Spielszenen,   mit   privaten   Fotos   und   Archivaufnahmen   und natürlich   auch   damaligen   Zeitzeugen,   die   noch   heute   ins Schwärmen   geraten,   wenn   sie   sich   an   Ferdie,   an   Marburg und   an   den   Tag   erinnern,   als   die   Beatles   beinahe   nach Marburg kamen.